Ja so möchte ich leben. Über dem Durchschnitt. Das heißt natürlich als Christ nicht, es muss das tolle Luxusauto sein, die Villa, edle Markenklamotten oder fantastische Urlaube.

Nein, als Christen haben wir andere Ziele und Werte. Die sind ja auch gut, biblisch fundiert. Wir möchten ein erfülltes Leben – ein Leben erfüllt von Gott. Das heißt aber im Alltag oft, wir haben hohe Ziele, über dem Durchschnitt halt. Wir wünschen uns tolle Familien, gut geratene, geistlich wachsende Kinder, Vorzeigefamilie in der Gemeinde, eine Ehe, wo wir alles gemeinsam tragen, immer tiefer zusammenwachsen, Freundschaften, die echt sind, die tiefer gehen und auch in Krisen halten. Eine erfüllende Arbeit, wo ich weiß, Gott braucht mich am richtigen Platz. Alles über dem Durchschnitt halt. Oft sind wir auch zufrieden und Gott super dankbar und wenn wir ehrlich sind, als Gesegnete Gottes ist dann manchmal in uns auch ein gewisser Stolz, du hast doch das meiste richtig gemacht. 

Doch wie sieht es in unserem Leben aus, wenn einer oder mehrere Bereiche unseres Lebens unterdurchschnittlich laufen? Wenn das über lange Zeit so ist - wenn Probleme kommen und sich fest einnisten, so fest, dass unser ganzes Lebensgebäude ins Wanken gerät. Wenn das auch noch für alle sichtbar wird und nicht im Geheimen bleibt. Vor allem, wenn unsere christlichen Freunde und die Gemeinde es mitbekommen. Wenn du das Gefühl hast, alle reden über deine Probleme, wie du es besser machen kannst, aber kaum einer spricht dir Mut zu. Was passiert dann mit mir? Wenn ich anfange mich zu fragen, ob Gott noch alles im Griff hat. Warum greift er nicht ein? Jetzt wäre doch ein guter Zeitpunkt für seine Größe! Wenn wir enttäuscht sind, von Gott, den Menschen und uns selbst. Wenn die Fragen nicht aufhören. Ich glaube, mein Fragekatalog und meine Vorschläge an Gott sind unbegrenzt. Und je mehr ich frage, desto mehr zieht es mich herunter, desto mehr denke ich, er liebt mich und meine Familie nicht mehr. Es beginnt ein Leben unter dem Durchschnitt. Ich kreise um mich und die Probleme, gehe alles nochmal durch, und kreise erneut. Wie ein Helikopter der nicht landen kann. Wie kann ich trotzdem Glaube, Liebe, Hoffnung leben? Wenn Probleme und Schwierigkeiten der Alltag sind und nicht die schönen Dinge.

Wenn das Festhalten an Gott schwer ist, Auswege aus der Situation menschlich gesehen unmöglich erscheinen, unsere Liebe schon längst ihre Grenze überschritten hat. Ich zum hundertsten, nein, tausendsten Mal aufgeben möchte. Wenn christliche Freunde schlechte Ratgeber sind. Wenn kein Tag ohne Tränen bleibt, du nachts nicht schlafen kannst, dir nichts mehr einfällt, du ständig zu Gott schreist und du immer wieder in das tiefe Loch der Ohnmacht fällst. Ohne Macht! Wenn du jeden Tag sagst, ich kann nicht mehr, und am Ende des Tages feststellt, du hast ihn doch mit Gottes Hilfe gemeistert. Wenn du denkst du kannst nicht mehr vergeben und abends beim Schlafen doch wieder vergeben hast. Wenn Gott dir Versprechen abverlangt, du aber spürst, dass er dir täglich die Kraft gibt, diese auch zu erfüllen. Wenn du unglaublich machtlos bist, aber auch unglaubliche Wunder erlebst. Große, mächtige, aber auch viele ganz kleine. Wenn dein Alltag ohne Gott gar nicht mehr funktioniert, weil ER es alleine erträglich macht. Weil du sein Versprechen hast, dass er dich hält und diese Situation zum Sieg bringt. Für ihn!  Und du lernst dabei wirklich, was Vertrauen ist - du lernst: Glaube, Liebe, Hoffnung kommen von ihm und er schenkt es jeden Tag neu. Nur für den Moment, und du lebst weiter und beginnst die kleinen Freuden im Alltag wieder zu genießen. Auch wenn es nach außen noch nicht anders aussieht. Aber innen lebst du über dem Durchschnitt. Weil er alles ist, weil du ohne ihn nichts bist und kannst. Und du findest Freunde, die ähnliches mit ihm erlebt haben und dir Mut machen, ohne schlaue Ratschläge zu geben. Denen du auch von deinen Kämpfen und Niederlagen erzählst, weil du dich bei ihnen angenommen weißt. So und nicht anders sollte eine Vorzeigefamilie in der Gemeinde sein, die gemeinsam durch die tiefsten Krisen geht, einander hilft Glaube, Liebe und Hoffnung zu leben, egal wie es nach außen hin aussieht. 

Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung: Mein Wort gilt! Jeremia 29,11

Ingrid Kerlin